Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2025-11-16)
Scheinleistung: Was das Netz liefern muss – nicht alles wird zu Nutzleistung!
Die Scheinleistung (apparent power) ist das Produkt aus Spannung und Stromstärke in Wechselstromkreisen. Sie beschreibt die vom Netz bereitgestellte Gesamtleistung und setzt sich aus der Wirkleistung und der Blindleistung (reactive power) zusammen. Die Scheinleistung ist die maßgebliche Größe für die Dimensionierung von Leitungen, Transformatoren und Generatoren.
In den ET-Grundlagen (ET1) nur zur Vollständigkeit
Diese Größe kommt im ET1-Skript nur der Vollständigkeit halber vor, weil sie zu den Bauteilen Spule und Kondensator dazugehört. Berechnungen und das tiefer Verständnis sind Teil der Wechselstromlehre (ET2).
1 Formelzeichen und Einheit
Das Formelzeichen der Scheinleistung ist .
Die Einheit der Scheinleistung ist das Voltampere, abgekürzt mit dem Einheitenzeichen :
Zur Unterscheidung von der Wirkleistung (in Watt) wird bewusst die Einheit Voltampere statt Watt verwendet, obwohl beide dimensional identisch sind.
2 Praxis-/Rechenbeispiele
Die Scheinleistung ist definiert als:
Dabei sind:
- die Spannung in Volt (V)
- die Stromstärke in Ampere (A)
Der Zusammenhang mit Wirk- und Blindleistung:
Dabei sind:
- die Wirkleistung in Watt (W)
- die Blindleistung in Voltampere reaktiv (var)
2.1 Transformator
Ein Transformator hat folgende Daten auf dem Typenschild:
- Nennspannung:
- Nennstrom:
Scheinleistung:
Der Transformator ist für eine Scheinleistung von 20 kVA ausgelegt.
2.2 Elektromotor mit Blindleistung
Ein Motor nimmt bei einen Strom von auf und liefert eine Wirkleistung von .
Scheinleistung:
Blindleistung:
Leistungsfaktor:
2.3 Dimensionierung einer Hausinstallation
Ein Einfamilienhaus hat einen Hausanschluss mit 3 Phasen × 400 V und einer Absicherung von 3 × 25 A.
Maximale Scheinleistung pro Phase:
Maximale Gesamtscheinleistung (bei symmetrischer Last):
Bei einem typischen Leistungsfaktor von ergibt sich eine maximale Wirkleistung von:
2.4 Industriebetrieb vor und nach Kompensation
Ein Betrieb hat vor der Kompensation:
- Wirkleistung:
- Leistungsfaktor:
Scheinleistung vor Kompensation:
Nach Verbesserung auf :
Reduzierung der Scheinleistung:
(26% Reduktion)
Diese Reduktion entlastet das Netz und ermöglicht den Anschluss zusätzlicher Verbraucher ohne Netzausbau.
3 Gängige Größenordnungen
Kleine Leistungen (< 1 kVA):
- Smartphone-Ladegerät: bis
- Notebook-Netzteil: bis
- Router/Modem: bis
Haushaltsgeräte (1 – 10 kVA):
- Kühlschrank: bis
- Waschmaschine: bis
- Elektroherd: bis
- Durchlauferhitzer: bis
Gewerbliche Anlagen (10 – 1000 kVA):
- Hausanschluss Einfamilienhaus: bis
- Kleine Gewerbe: bis
- Ortsnetztransformator: bis
- Mittelgroße Industriebetriebe: bis
Große Anlagen (> 1 MVA):
- Produktionshallen: bis
- Umspannwerk: bis
- Kraftwerksblock: bis
4 Formulierungsbeispiele
- „Der Transformator hat eine Nennscheinleistung von .”
- „Die Scheinleistung beträgt .”
- „Der Generator liefert maximal Scheinleistung.”
- „Bei einer Scheinleistung von 20 kVA und cos φ = 0,9 beträgt die Wirkleistung 18 kW.”
- „Die Leitung muss für eine Scheinleistung von 100 kVA dimensioniert werden.”
5 Verwandte Größen
- Blindleistung:
- Leistungsdreieck:
- Leistungsfaktor:
- Spannung und Stromstärke:
- Komplexe Scheinleistung:
(mit als konjugiert komplexer Strom)
6 Verwandte Bauelemente
- Transformator: Wird nach Scheinleistung dimensioniert
- Generator: Nennleistung als Scheinleistung angegeben
- Elektromotor: Aufgenommene Scheinleistung relevant für Netzbelastung
- Sicherung: Dimensionierung nach Strom, der sich aus Scheinleistung ergibt
- Leitung: Querschnitt richtet sich nach Strombelastung durch Scheinleistung
- Wechselrichter: Nennleistung meist als Scheinleistung spezifiziert
