Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2026-03-02)
Komplexe Zahlen: Das mathematische Werkzeug, mit dem sich Amplitude und Phase in einem einzigen Ausdruck zusammenfassen lassen.
Komplexe Zahlen (complex numbers) erweitern die reellen Zahlen um eine imaginäre Komponente. In der Elektrotechnik sind sie das zentrale Rechenwerkzeug der Wechselstromanalyse: Sie ermöglichen es, sinusförmige Spannungen und Ströme als Zeiger in der komplexen Ebene darzustellen und Schaltungsberechnungen auf algebraische Operationen zurückzuführen.
Diese Seite fasst die mathematischen Grundlagen zusammen, die in der Lektion ET2-03 (Komplexe Wechselstromrechnung) für die Wechselstromanalyse benötigt werden.
1 Definition
Eine komplexe Zahl besteht aus einem Realteil und einem Imaginärteil:
Dabei sind:
- der Realteil
- der Imaginärteil
- die imaginäre Einheit mit
In der Elektrotechnik wird
j(nichti) für die imaginäre Einheit verwendet, weilibereits für die Stromstärke reserviert ist.
2 Darstellungsformen
2.1 Kartesische Form (Normalform)
Geeignet für Addition und Subtraktion.
2.2 Polarform (Exponentialform)
Dabei sind:
- der Betrag
- das Argument (Winkel)
Geeignet für Multiplikation und Division.
2.3 Umrechnung
Polarform → Kartesische Form:
Kartesische Form → Polarform:
Bei der Berechnung von
\varphimit\arctanmuss der Quadrant berücksichtigt werden.\arctanliefert nur Winkel im Bereich-90°bis+90°. Liegt\underline{z}im II. oder III. Quadranten (a < 0), muss180°addiert werden.
3 Euler’sche Formel
Die Euler’sche Formel stellt den Zusammenhang zwischen Exponentialfunktion und trigonometrischen Funktionen her:
Sie ist nach Euler benannt und bildet die mathematische Grundlage für die Darstellung sinusförmiger Wechselgrößen als rotierende Zeiger.
Euler’sche Identität (Spezialfall ):
4 Rechenregeln
4.1 Addition und Subtraktion
In kartesischer Form – Real- und Imaginärteile getrennt addieren:
4.2 Multiplikation
In Polarform – Beträge multiplizieren, Winkel addieren:
4.3 Division
In Polarform – Beträge dividieren, Winkel subtrahieren:
4.4 Konjugiert Komplexe
Der konjugiert komplexe Wert entsteht durch Vorzeichenumkehr des Imaginärteils:
Nützlich z. B. bei der komplexen Scheinleistung: .
5 Anwendung in der Wechselstromtechnik
| Physikalische Größe | Komplexe Darstellung | Realteil = | Imaginärteil = |
|---|---|---|---|
| Impedanz | Wirkwiderstand | Blindwiderstand | |
| Spannung | |||
| Strom | |||
| Scheinleistung | Wirkleistung | Blindleistung |
Die komplexe Darstellung erlaubt es, das Ohm’sche Gesetz auf Wechselstromkreise zu verallgemeinern:
Durch Einführung der komplexen Impedanz lassen sich alle aus der Gleichstromtechnik bekannten Methoden (Spannungsteiler, Kirchhoff’sche Regeln, Superposition, Ersatzquellen) direkt auf Wechselstromschaltungen übertragen.
6 Praxis-/Rechenbeispiel
Gegeben: und .
Betrag von :
Argument von :
Polarform von :
Addition:
Multiplikation (in kartesischer Form):
