Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2025-11-16)

Blindleistungsfaktor: Das Gegenstück zum Leistungsfaktor – zeigt den Blindleistungsanteil!

Der Blindleistungsfaktor beschreibt das Verhältnis von Blindleistung zur Scheinleistung in Wechselstromkreisen. Er ist das Gegenstück zum Leistungsfaktor () und gibt an, welcher Anteil der vom Netz bereitgestellten Scheinleistung als Blindleistung pendelt. Der Blindleistungsfaktor ist der Sinus des Phasenwinkels zwischen Spannung und Strom.

1 Formelzeichen und Einheit

Das übliche Formelzeichen des Blindleistungsfaktors ist (Sinus des Phasenwinkels).
Der Blindleistungsfaktor ist eine dimensionslose Größe mit Werten zwischen 0 und 1 (bzw. -1 bei kapazitiven Lasten):

Vorzeichenkonvention:

  • : induktive Blindleistung (Strom eilt nach)
  • : keine Blindleistung (rein ohmsch)
  • : kapazitive Blindleistung (Strom eilt vor)

2 Praxis-/Rechenbeispiele

Der Blindleistungsfaktor ist definiert als:

Dabei sind:

Aus dem Phasenwinkel:

Zwischen Leistungsfaktor und Blindleistungsfaktor gilt:

2.1 Asynchronmotor

Ein Motor hat einen Leistungsfaktor von und nimmt eine Scheinleistung von auf.

Blindleistungsfaktor:

Phasenwinkel:

Blindleistung:

Wirkleistung:

60% der Scheinleistung ist Blindleistung, 80% ist Wirkleistung.
(Ja, das ergibt tatsächlich 100%: ).

2.2 Schweißgerät

Ein Schweißgerät nimmt Wirkleistung und Blindleistung auf.

Scheinleistung:

Blindleistungsfaktor:

Leistungsfaktor:

Phasenwinkel:

Das Schweißgerät hat einen hohen Blindleistungsfaktor von 0,832 (stark induktiv).

2.3 Kompensation

Ein Motor mit () soll auf kompensiert werden.

Blindleistungsfaktor nach Kompensation:

Verhältnis der Blindleistungsfaktoren:

Der Blindleistungsfaktor wird durch die Kompensation auf 47,2% des ursprünglichen Wertes reduziert.

2.4 Ohm’sche Last

Ein Heizgerät arbeitet rein ohm’sch mit .

Blindleistungsfaktor:

Es gibt keine Blindleistung (), die gesamte Scheinleistung ist Wirkleistung.

2.5 Transformator im Leerlauf

Ein Transformator im Leerlauf hat .

Blindleistungsfaktor:

Fast 99% der aufgenommenen Scheinleistung ist Magnetisierungsblindleistung.

3 Gängige Größenordnungen

Sehr niedrig ():

  • Ohmsche Lasten: ()
  • Kompensierte Anlagen: bis ( bis )
  • Heizgeräte:

Niedrig ():

  • Gut kompensierte Motoren: bis ( bis )
  • Synchronmotoren: bis ( bis )
  • Moderne LED-Treiber: bis

Mittel ():

  • Asynchronmotor (Volllast): bis ( bis )
  • Unkompensierte Motoren: bis
  • Transformator (Nennlast): bis

Hoch ():

  • Schweißtransformatoren: bis
  • Drosselspulen: bis
  • Asynchronmotor (Leerlauf): bis

Sehr hoch ():

  • Transformator (Leerlauf): bis
  • Fast reine Spule/Kondensator: ()
  • Magnetisierungsblindleistung:

4 Formulierungsbeispiele

  • „Der Motor hat einen Blindleistungsfaktor von .”
  • „Bei einem Blindleistungsfaktor von 0,3 beträgt die Blindleistung 30% der Scheinleistung.”
  • „Durch Kompensation wurde der Blindleistungsfaktor von 0,66 auf 0,31 reduziert.”
  • „Der Transformator im Leerlauf zeigt einen Blindleistungsfaktor von .”
  • „Ein Blindleistungsfaktor nahe 0 bedeutet optimale Energienutzung ohne nennenswerte Blindleistung.”

5 Verwandte Größen

  • Trigonometrischer Zusammenhang:
  • Tangens :

6 Verwandte Bauelemente

  • Spule: Hoher positiver Blindleistungsfaktor (sin φ → +1)
  • Kondensator: Hoher negativer Blindleistungsfaktor (sin φ → -1)
  • Widerstand: Blindleistungsfaktor null (sin φ = 0)
  • Elektromotor: Typisch sin φ = 0,5 bis 0,64 bei Nennlast
  • Transformator: Sehr hoch im Leerlauf, niedrig bei Last
  • Drosselspule: Sehr hoher Blindleistungsfaktor (sin φ > 0,9)