Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2026-04-28)
Bezug zu ET2-04 Bauelemente im Wechselstromkreis
Aufgabe
In dieser Aufgabe vergleichen Sie das Verhalten eines Kondensators und einer idealen Spule direkt nebeneinander an derselben Netzspannung. Beide Bauelemente werden einzeln (also nicht zusammen verschaltet) zwischen die Klemmen einer Steckdose gehängt.
- Kondensator:
- Spule (ideal, ):
- Klemmenspannung: mit ,
a) Berechnen Sie den Betrag des kapazitiven Blindwiderstands und den induktiven Blindwiderstand .
b) Bestimmen Sie für jedes Bauelement den Effektivwert des Stroms.
c) Geben Sie für jedes Bauelement die vollständige Stromzeitfunktion an (Amplitude und Phasenlage gegenüber ).
d) Welches der beiden Bauelemente zieht den größeren Strom? Ein Kollege fragt: „Wenn ich beide parallel an die Steckdose hänge, fließt dann oder etwas anderes?” Antworten Sie qualitativ und begründen Sie mit den Phasenlagen.
Lösung
a) ,
b) ,
c) ,
d) Die Spule zieht knapp das 9-fache; bei Parallelschaltung subtrahieren sich die Beträge der Blindströme (Vorzeichen entgegengesetzt), nicht addieren.
Lösung
Gegeben
Explizit gegeben:
- Kapazität:
- Induktivität:
- Spannungseffektivwert:
- Frequenz: , also
Bekannt:
- Beträge der Blindwiderstände (ET2-04 Abschnitt 3 / Abschnitt 4): ,
- Phasenwinkel: Kondensator (Strom eilt der Spannung vor), Spule (Strom eilt nach)
- Effektivwert:
- Amplitude:
Gesucht
a) ,
b) ,
c) ,
d) Vergleich, qualitative Diskussion der Parallelschaltung
a) Blindwiderstände
b) Effektivwerte der Ströme
Da beide Bauelemente einzeln an derselben Spannung liegen, gilt jeweils mit und :
c) Stromzeitfunktionen
Die Stromamplituden ergeben sich aus den Effektivwerten:
Die Phasenlagen folgen aus den Kernaussagen der Lektion:
- Kondensator: Der Strom eilt der Spannung um voraus, also gegenüber .
- Spule: Der Strom eilt der Spannung um nach, also gegenüber .
d) Vergleich und Parallelschaltung
Größenvergleich:
Die Spule zieht knapp das Neunfache des Kondensatorstroms. Bei ist sie das deutlich „durchlässigere” Bauelement.
Parallelschaltung an derselben Steckdose:
Die naive Erwartung „” wäre falsch. Beide Ströme schwingen mit derselben Frequenz, aber mit entgegengesetzter Phasenlage: liegt bei , bei . Sie sind also gegenphasig — wenn ihr Maximum hat, ist in ihrem Minimum.
Mit der Knotenregel in komplexer Form (vgl. ET2-03):
Der Gesamtstrom ist kleiner als der Spulenstrom allein. Die beiden Blindströme kompensieren sich teilweise — genau das ist das physikalische Prinzip hinter der Blindstromkompensation, mit der Industriebetriebe ihren induktiven Blindstrom durch parallele Kondensatoren reduzieren.
Vorzeichen vs. Betrag
Die Lektion definiert vorzeichenbehaftet (siehe ET2-04 Abschnitt 3.4). In dieser Aufgabe rechnen wir konsequent mit dem Betrag , weil Strombeträge wie definitionsgemäß positiv sind und das Vorzeichen aus der Lektionskonvention bereits in der komplexen Impedanz und im Phasenwinkel steckt. Sobald beide Elemente in derselben Schaltung liegen (z. B. RLC-Reihe), führt man mit der signierten Größe direkt die komplexe Rechnung — dann entsteht die teilweise Auslöschung von selbst.
Im Kontext von ET2
Die zahlenmäßige Dominanz des Spulenstroms gegenüber dem Kondensatorstrom kehrt sich bei höheren Frequenzen um: wächst linear mit , fällt mit . Es gibt also genau eine Frequenz, bei der gilt — bei dieser Frequenz heben sich beide Blindströme exakt auf. Diese Frequenz heißt Resonanzfrequenz und ist das zentrale Thema von ET2-05 (Schwingkreise und Resonanz). Die Übung ET2-04.02 bereitet den Boden, indem sie und tabellarisch nebeneinanderstellt.
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