Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2026-05-05)

Bezug zu ET2-06 Leistung im Wechselstromkreis


Aufgabe

Eine einphasige Werkstattfräse wird am -Netz () betrieben. Aus dem Datenblatt ergeben sich die Wirkleistung und der Leistungsfaktor (induktiv). Die Zuleitung von der Unterverteilung zum Maschinenstandort hat den Widerstand . Durch eine Einzelkompensation mit einem parallel geschalteten Kondensator soll der Leistungsfaktor auf verbessert werden.

Gegeben: , , , , ,

a) Berechnen Sie die Scheinleistung , den Netzstrom und die Blindleistung vor der Kompensation.

b) Dimensionieren Sie den Kompensationskondensator: Bestimmen Sie die erforderliche Kompensationsblindleistung und die Kapazität .

c) Berechnen Sie die Scheinleistung und den Netzstrom nach der Kompensation. Um wie viel Prozent sinkt der Netzstrom?

d) Wie viel Watt Leitungsverlust () wird durch die Kompensation eingespart? Um wie viel Prozent reduzieren sich die Leitungsverluste — und warum ist diese prozentuale Reduktion deutlich größer als die prozentuale Stromreduktion aus c)?

◀️ zur Aufgabe


Lösung

Gegeben

Explizit gegeben:

  • , , also
  • (vor Kompensation, induktiv)
  • (Ziel nach Kompensation)
  • (Zuleitungswiderstand)

Bekannt:

Gesucht

a) , ,
b) ,
c) , , prozentuale Stromreduktion
d) , prozentuale Verlustreduktion und Begründung des überproportionalen Effekts

a) Zustand vor der Kompensation

Phasenwinkel:

Scheinleistung:

Netzstrom:

Blindleistung (mit ):

(positiv, weil induktiv)

b) Kompensationskondensator

Ziel-Phasenwinkel:

Erforderliche Kompensationsblindleistung: Mit und :

Kapazität:

Praktischer Bezug

Eine Kapazität von wird in der Praxis nicht als ein einzelnes Bauteil beschafft, sondern als fertige Kompensationseinheit für die Maschine — typischerweise eine Baugruppe mit mehreren parallelen Folienkondensatoren, Schmelzsicherung und Entladewiderstand zur sicheren Spannungsabschaltung beim Trennen vom Netz.

c) Zustand nach der Kompensation

Die Wirkleistung ändert sich durch den Kondensator nicht (idealer Kondensator nimmt keine Wirkleistung auf). Mit dem neuen Leistungsfaktor:

Stromreduktion:

Der Netzstrom sinkt also um knapp ein Drittel — die Wirkleistung der Fräse bleibt unverändert.

d) Einsparung an Leitungsverlusten

Leitungsverluste vor Kompensation:

Leitungsverluste nach Kompensation:

Differenz:

Prozentuale Verlustreduktion:

Warum die Verluste so viel stärker sinken als der Strom: Weil die Verluste quadratisch mit dem Strom skalieren (), gilt

Die Verluste sinken also auf knapp die Hälfte ( Reduktion), obwohl der Strom „nur” um sinkt. Dieser quadratische Hebel ist das eigentliche wirtschaftliche Argument für die Blindleistungskompensation: kleine Stromreduktionen werden zu großen Verlustreduktionen.

Das gilt für jede Last

Die Beziehung „ weniger Strom Anteil weniger Verluste” ist universell — sie hängt nicht vom konkreten Verbraucher ab, sondern allein an . Eine -Stromreduktion bringt schon Verlustreduktion, eine -Stromreduktion sogar . Wer in der Energietechnik Kosten senken will, schaut deshalb zuerst auf den Strom (bzw. den Leistungsfaktor), nicht auf die Wirkleistung.

Brücke zu ET2-10 — vom Einzelfall zum Betrieb

An diesem einen Verbraucher hängen Verlustreduktion. Bei Betrieb sind das pro Maschine — bei einem Strompreis von also . Skaliert auf einen ganzen Industriebetrieb mit Dutzenden induktiver Verbraucher und längeren Zuleitungen wird daraus schnell ein vierstelliger Eurobetrag pro Jahr — wie in ET2-10 noch ausführlich diskutiert.