Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2026-04-28)

Bezug zu ET2-03 Komplexe Wechselstromrechnung


Aufgabe

In der komplexen Wechselstromrechnung ersetzen wir die Zeitfunktion durch den komplexen Effektivwert . Diese Operation müssen Sie in beide Richtungen sicher beherrschen: Aus einer gegebenen Zeitfunktion den komplexen Effektivwert ablesen — und umgekehrt aus einem gegebenen komplexen Effektivwert die Zeitfunktion rekonstruieren.

Im deutschen Niederspannungsnetz beträgt die Effektivspannung bei einer Frequenz von . Eine an dieses Netz angeschlossene Last hat eine Klemmenspannung mit der Zeitfunktion

und nimmt einen Strom mit dem komplexen Effektivwert

auf.

a) Bestimmen Sie aus der Zeitfunktion den komplexen Effektivwert und geben Sie ihn in Polarform an.

b) Geben Sie zusätzlich in kartesischer Form an.

c) Rekonstruieren Sie aus die zugehörige Zeitfunktion .

d) Bestimmen Sie den Phasenverschiebungswinkel zwischen Spannung und Strom. Verhält sich die Last induktiv, kapazitiv oder rein resistiv?

◀️ zur Aufgabe


Lösung

Gegeben

Explizit gegeben:

  • Spannungs-Zeitfunktion: , also ,
  • Frequenz: , daher
  • Komplexer Effektivwert des Stromes: , also ,

Bekannt:

  • Komplexer Effektivwert (ET2-03): mit
  • Eulersche Formel (ET2-03):
  • Rückumrechnung aus dem komplexen Effektivwert (ET2-03): mit
  • Phasenverschiebungswinkel (ET2-03): , induktiv, kapazitiv

Gesucht

a) in Polarform
b) in kartesischer Form
c) aus
d) Phasenverschiebung und Lastverhalten

a) Komplexer Effektivwert in Polarform

Aus der Zeitfunktion wird der Scheitelwert und der Nullphasenwinkel direkt abgelesen:

Der reelle Effektivwert ergibt sich aus der Cosinus-Konvention zu:

Das ist die deutsche Netzspannung — ein gutes Indiz, dass die Eingangsdaten zueinanderpassen.

Der Phasenwinkel wird unverändert in den komplexen Effektivwert übernommen:

b) Komplexer Effektivwert in kartesischer Form

Mit der Eulerschen Formel :

Kontrolle:

c) Zeitfunktion aus dem komplexen Effektivwert

Aus dem komplexen Effektivwert wird der reelle Effektivwert und der Nullphasenwinkel abgelesen:

Die Zeitfunktion enthält jedoch nicht den Effektivwert, sondern den Scheitelwert — also Multiplikation mit :

Der Nullphasenwinkel wird unverändert übernommen, die Kreisfrequenz stammt aus der Netzfrequenz:

Effektivwert vs. Scheitelwert

Beim Übergang zwischen Zeitfunktion und komplexem Effektivwert muss konsequent zwischen (Scheitelwert in der Zeitfunktion) und (Betrag des komplexen Effektivwerts) unterschieden werden. Eine vergessene Multiplikation oder Division mit führt zu einem systematischen Fehler von 41 % im Endergebnis.

d) Phasenverschiebung und Lastverhalten

Das positive Vorzeichen bedeutet: Die Spannung eilt dem Strom voraus. Die Last verhält sich also induktiv — typisch für einen Stromkreis mit dominantem Spuleninhalt (z. B. Drosseln, Motoren ohne Kompensation).

Plausibilitätsprüfung über die Zeitachse

Bei ist . Eine Phasenverschiebung von entspricht

Der Strom erreicht seine Maxima also später als die Spannung — am Oszilloskop bei ein gut sichtbarer Versatz von gut einem Kästchen.

Im Kontext von ET2

In ET2-04 werden Sie sehen, dass jedes Bauelement (R, L, C) eine eigene Phasenverschiebung zwischen Spannung und Strom erzwingt: am ohmschen Widerstand, an der idealen Spule, am idealen Kondensator. Eine gemischte Last mit wie hier verhält sich, als ob Wirk- und induktiver Blindanteil betragsmäßig gleich groß wären. In ET2-06 entscheidet darüber, welcher Anteil der übertragenen Scheinleistung tatsächlich als Wirkleistung nutzbar wird — bei sind das nur noch .

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