Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2026-04-27)

Bezug zu ET2-04 Bauelemente im Wechselstromkreis


Aufgabe

Im Labor sollen Sie eine reale Spule charakterisieren. Eine reale Spule besteht physikalisch aus einer Drahtwicklung und besitzt daher zusätzlich zu ihrer Induktivität einen ohmschen Drahtwiderstand . Sie wird im Wechselstromkreis durch das Modell

beschrieben. Um beide Größen zu bestimmen, führen Sie zwei Messungen durch:

Messung 1 (Gleichstrom): Sie legen eine Gleichspannung von an und messen einen stationären Strom .

Messung 2 (Wechselstrom, ): Sie legen eine sinusförmige Wechselspannung mit dem Effektivwert an und messen einen Effektivwert des Stroms von .

a) Bestimmen Sie aus Messung 1 den ohmschen Drahtwiderstand der Spule. Begründen Sie kurz, warum hierfür Gleichstrom verwendet wird.

b) Bestimmen Sie aus Messung 2 den Scheinwiderstand der Spule bei .

c) Berechnen Sie den induktiven Blindwiderstand und daraus die Induktivität der Spule.

d) Geben Sie den Phasenwinkel zwischen Klemmenspannung und Strom bei an.

e) Diskutieren Sie kurz: Warum genügt eine AC-Messung allein nicht, um zu bestimmen? Was würde passieren, wenn Sie aus dem Quotienten direkt berechnen?

◀️ zur Aufgabe


Lösung

Gegeben

Explizit gegeben:

  • Messung 1 (DC): ,
  • Messung 2 (AC, ): ,
  • Modell: ,

Bekannt:

  • Spule bei DC: , übrig bleibt nur
  • Allgemeiner Scheinwiderstand:
  • Phasenwinkel:
  • Induktivität aus Blindwiderstand:

Gesucht

a)
b) bei 50 Hz
c) ,
d)
e) Diskussion: Warum reicht AC allein nicht?

a) Drahtwiderstand aus DC-Messung

Bei Gleichstrom gilt und damit . Das Modell reduziert sich zu . Die Spule wirkt im stationären DC-Fall wie ein reiner Widerstand — gerade so groß wie der Drahtwiderstand der Wicklung. Damit:

Genau diese Eigenschaft ist der Grund, warum man für die Charakterisierung einer realen Spule eine Zweischritt-Messung vornimmt: Mit DC isoliert man den ohmschen Anteil, der bei AC mit dem Blindanteil verschmolzen wäre.

b) Scheinwiderstand aus AC-Messung

Im AC-Betrieb misst man Effektivwerte, also gilt :

Das ist der Betrag der komplexen Impedanz bei — er enthält bereits beide Anteile (ohmsch und induktiv), aber ohne die Aufteilung zu verraten.

c) Blindwiderstand und Induktivität

Aus dem Impedanzdreieck folgt:

Aus :

d) Phasenwinkel

Die Spannung eilt dem Strom um voraus — das Verhalten der Spule ist stark induktiv und nähert sich dem Idealfall . Anders gesagt: dominiert um etwa den Faktor 7,4.

e) Warum reicht AC allein nicht?

Naive AC-only-Auswertung: Würde man den AC-Quotienten direkt als interpretieren — also annehmen, die Spule sei ideal —, dann ergäbe sich:

Der Fehler beträgt:

In diesem konkreten Beispiel ist der Fehler klein, weil die Spule stark induktiv ist (). Aber:

Gegenbeispiel mit gleichem , aber dominantem ohmschen Anteil — etwa , , also . Die naive Auswertung würde liefern, also fast den doppelten Wert. Der Fehler ist nicht festgelegt durch , sondern durch das Verhältnis .

Verallgemeinerung:

Bei kleinem (überwiegend ohmsch) wird der Fehler beliebig groß; nur bei verschwindet er. Genau deshalb braucht man zwei Messungen: Erst die DC-Messung trennt ab, dann zerlegt den Rest sauber in den Blindanteil.

Modell und Wirklichkeit

Das hier verwendete Modell ist eine frequenzunabhängige Reihenschaltung des Drahtwiderstands mit einer idealen Induktivität . Bei realen Spulen kommen mit zunehmender Frequenz weitere Effekte hinzu: Skin-Effekt (Drahtwiderstand wird größer), Wicklungskapazität (parasitärer Kondensator parallel zur Spule), Eisenverluste bei Spulen mit Kern (Hysterese, Wirbelströme). Bei und einer Luftspule darf man diese Effekte aber typischerweise vernachlässigen — das einfache Modell trägt.

Im Kontext von ET2

Genau diese Messreihe — DC-Widerstand und AC-Strom bei einer festen Frequenz — ist die Methodik von Praktikum 3. Dort variieren Sie zusätzlich die Frequenz und beobachten, wie linear mit steigt — die experimentelle Bestätigung der hier benutzten Formel . In ET2-06 wird mit demselben Modell die Wirkleistung am Drahtwiderstand und die Blindleistung der Induktivität getrennt berechnet — dort wird der Wert von zur entscheidenden Größe.

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