Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2026-05-05)

Bezug zu ET2-05 Berechnung von Wechselstromschaltungen


Aufgabe

Im Eingang einer Audio-Verstärkerstufe soll ein RC-Hochpass nach Abschnitt 5 der Lektion eingesetzt werden. Er muss den Gleichspannungsoffset der Vorstufe blockieren, hörbare Frequenzen () aber nahezu ungedämpft passieren lassen. Der Eingangswiderstand der Folgestufe beträgt und übernimmt die Rolle des Hochpass-Widerstands.

Gegeben: , gewünschte Grenzfrequenz

a) Berechnen Sie den theoretisch erforderlichen Kapazitätswert und wählen Sie die nächst-passende Standardkapazität so, dass die tatsächliche Grenzfrequenz unterhalb des Sollwerts liegt. Begründen Sie Ihre Wahl in einem Satz und berechnen Sie das daraus resultierende .
b) Berechnen Sie für die gewählte Kapazität die Dämpfung in Dezibel und den Phasenwinkel bei (deutlich unter ) und bei (deutlich über ).
c) Bei welchen Frequenzen beträgt die Dämpfung bzw. ? Geben Sie diese Frequenzen sowohl als Verhältnis zu als auch als absoluten Wert an.
d) Zeigen Sie für eine beliebige Frequenz: Der Tiefpass und der Hochpass mit gleichem erfüllen . Was bedeutet diese Gleichung physikalisch?

◀️ zur Aufgabe


Lösung

Gegeben

Explizit gegeben:

  • Standardkapazitäten:

Bekannt:

  • Übertragungsfunktion RC-Hochpass (ET2-05 Abschnitt 5.1):
  • Grenzfrequenz: — identisch zum Tiefpass mit gleichem
  • Amplituden- und Phasengang (ET2-05 Abschnitt 5.2): ,
  • Dezibel (ET2-05 Abschnitt 6.1):

Gesucht

a) und gewählte Standardkapazität, daraus tatsächliches
b) Dämpfung in dB und Phase bei und
c) Frequenzen mit und Dämpfung
d) Beweis und physikalische Bedeutung

a) Kapazitätswahl

Aus ergibt sich der theoretisch erforderliche Wert:

Damit die tatsächliche Grenzfrequenz unterhalb des Sollwerts liegt, muss die Kapazität größer als sein (kleineres bei größerem ). Aus der vorgegebenen Liste ist das nächst-größere Standardelement . Die Wahl wäre zwar näher am theoretischen Wert, würde aber und damit oberhalb der Soll-Grenzfrequenz ergeben — unzulässig nach Aufgabenstellung.

Mit :

Hörbare Frequenzen ab liegen damit klar oberhalb der Grenzfrequenz und werden weitgehend ungedämpft passieren.

b) Dämpfung und Phase bei und

Mit :

Bei ():

Bei ():

Die Werte zeigen das gewünschte Verhalten: bei deutliche Dämpfung um über — das schluckt allmählich auch hörbare Tiefen unterhalb des Sollbereichs; bei praktisch keine Dämpfung und keine Phasenverschiebung.

c) Frequenzen mit und

Für wird die Übertragungsfunktion durch ihre Asymptote ersetzt: . Daraus folgt — eine Gerade mit Steigung in halblogarithmischer Auftragung.

Bei : , also :

Bei : , also :

Pro Dekade unterhalb wächst die Dämpfung um — spiegelbildlich zum Tiefpass-Verhalten oberhalb seiner Grenzfrequenz. Bei (Gleichanteil) wird die Dämpfung formal unendlich groß, was die Eingangsanforderung erfüllt: Der Gleichspannungsoffset wird vollständig blockiert.

d) Komplementarität von Tiefpass und Hochpass

Mit gilt:

Die Summe beider:

Physikalische Bedeutung: Tiefpass und Hochpass mit gleichem greifen die Spannung an den beiden Bauelementen derselben Reihenschaltung ab — der Tiefpass über , der Hochpass über . Da durch beide Bauelemente derselbe Strom fließt, sind die momentanen Spannungsbeträge und . In Summe ergibt sich nach Pythagoras (weil die Spannungen exakt um phasenverschoben sind) der Quadratbetrag der Eingangsspannung: . Geteilt durch ist das genau die obige Identität.

Anders ausgedrückt: Was der eine Filter durchlässt, hält der andere zurück — und zwar leistungstreu. Bei der Grenzfrequenz teilen beide Filter die Eingangsspannungs-Energie zu gleichen Teilen: , was beide -Werte erklärt.

Warum gerade -3 dB? – Die Leistungsdefinition

Die Definition der Grenzfrequenz als Stelle, an der auf die Hälfte abfällt, ist motiviert durch die Leistung: Bei gleicher Lastimpedanz ist die übertragene Leistung proportional zu . „” heißt also genau: halbe Leistung. Diese Konvention zieht sich konsistent durch Filter-, Verstärker- und Antennentechnik.

Praxis-Tipp Koppelkondensator

In realen Audio-Schaltungen wird der Koppelkondensator typischerweise als Folien- oder Elektrolyt-Kondensator ausgeführt; bei Elektrolyten ist die Polarität zu beachten (Plus-Pol an der Seite mit höherem Gleichspannungspegel). Eine zu kleine Kapazität führt zu hörbarem Bassverlust, eine zu große ist unkritisch — der Hochpass wird einfach niederfrequenter, das ändert das Klangbild oberhalb nicht.

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