Prof. Dr. Thorsten Jungmann (Stand 2025-11-24)

Bezug zu ET1-09 Magnetisches Feld und Induktivität


Aufgabe

Die Spule eines Magnetventils in einer mechatronischen Steuerung wird näherungsweise als Reihenschaltung aus Induktivität und Wicklungswiderstand modelliert (RL-Glied). Sie wird an einer -Gleichspannungsversorgung betrieben.

Gegeben:

  • Induktivität:
  • Wicklungswiderstand:
  • Versorgungsspannung:
  • magnetische Feldkonstante: (hier nur der Vollständigkeit halber)
  • natürlicher Logarithmus:

a) Berechnen Sie die Zeitkonstante der RL-Schaltung und den Endstrom im eingeschwungenen Zustand.

b) Geben Sie die Zeitfunktionen des Spulenstroms und der Spulenspannung für den Einschaltvorgang bei einem Spannungssprung von auf an. Berechnen Sie die Werte von und für

  • .

c) Berechnen Sie die im stationären Zustand in der Spule gespeicherte magnetische Energie .

d) Beim Abschalten wird die Spule über einen Freilaufwiderstand entladen. Der Wicklungswiderstand soll dabei vernachlässigt werden. Bestimmen Sie

  • die maximale Abschaltspannung an der Spule direkt nach dem Abschalten und
  • die Zeit , bis der Spulenstrom auf seines Anfangswerts abgefallen ist.

e) Erläutern Sie kurz, warum ohne Freilaufpfad sehr hohe Selbstinduktionsspannungen entstehen können und nennen Sie zwei typische Schutzmaßnahmen in der Leistungselektronik.

◀️ zur Aufgabe


Lösung

a) Zeitkonstante und Endstrom

Gegeben:

Die Zeitkonstante eines RL-Gliedes lautet:

Einsetzen:

Der Endstrom (eingeschwungener Zustand) bei angelegter Gleichspannung ist:

Ergebnis:


b) Zeitverläufe von Strom und Spannung

Beim Einschalten (Sprung von auf ) gilt für den Strom durch die Induktivität:

Die Spannung an der Induktivität ergibt sich aus:

(Alternative Sicht: In der Reihenschaltung und .)

Werte zum Zeitpunkt

Strom:

Spannung an der Induktivität:

Werte zum Zeitpunkt

Strom:

Spannung an der Induktivität:

Ergebnis (gerundet):

  • ,
  • ,

c) Gespeicherte magnetische Energie

Die im magnetischen Feld einer Induktivität gespeicherte Energie ist:

Im stationären Zustand fließt .

Einsetzen:

Ergebnis:


d) Abschalten über Freilaufwiderstand

Beim Abschalten wird der Strompfad über den Freilaufwiderstand geschlossen. Beim Entladen über wird der Wicklungswiderstand gegenüber vernachlässigt ().

Gegeben:

  • Anfangsstrom beim Abschalten:

Die Zeitkonstante des Entladens lautet:

Maximale Abschaltspannung

Unmittelbar nach dem Abschalten ist der Strom durch die Induktivität noch , und dieser Strom fließt durch den Freilaufwiderstand. Die maximale Spannung im Abschaltmoment ist:

Zeit bis auf des Anfangsstroms

Der Stromverlauf beim Abschalten (rein über ) lautet:

Gesucht ist die Zeit mit :

Logarithmieren:

Einsetzen:

Ergebnis:


e) Hohe Selbstinduktionsspannungen und Schutzmaßnahmen

Beim schnellen Abschalten eines induktiven Stromes gilt:

  • Die Induktivität „wehrt sich“ gegen schnelle Stromänderungen ().
  • Wird der Strompfad plötzlich unterbrochen (kein Freilaufpfad), wird sehr groß, sodass die Induktivität an ihren Anschlüssen eine hohe Spannung erzeugt, um den Stromfluss aufrechtzuerhalten.
  • Diese Spannung kann die Isolationsfestigkeit von Bauteilen und Schaltern überschreiten und zu Lichtbögen, Störungen oder Zerstörung von Halbleitern führen.

Typische Schutzmaßnahmen:

  • Freilaufdiode (bei rein ohmscher Last in Gleichstromanwendungen): begrenzt die Abschaltspannung auf etwa die Durchlassspannung der Diode, verlangsamt aber die Stromabklingzeit.
  • Freilaufwiderstand oder RC-Schaltung: erlaubt eine höhere, aber kontrollierte Abschaltspannung und damit schnelleren Stromabfall, z. B. bei Magnetventilen oder Relais.
  • Suppressor- oder Zenerdioden: begrenzen die Spannung auf einen definierten Maximalwert und schützen so empfindliche Halbleiterschalter (Transistoren, MOSFETs).

Kompromiss gesucht

In mechatronischen Systemen muss je nach Anwendung ein Kompromiss zwischen Bauteilschutz (begrenzte Spannung) und Schaltgeschwindigkeit (schnelle Stromänderung, kurzes Ausschaltverzugsverhalten) gefunden werden.